Pädagogin und Baumkinderautorin.

Babyzeichensprache - eine besondere Art der Kommunikation.

Überblick

Einleitung

Wir sitzen im Garten, hören das Geräusch eines Motorrads und meine einjährige Tochter sagt, dass es ihr zu laut ist und sie Angst hat. Als wir vor der Turnhalle warten, fragt sie nach ihrer großen Schwester, die gerade hinter der verschlossenen Tür zum Kindersport ist und kurz danach teilt sie mir mit, dass sie auf Toilette muss. Ein weiteres Mal sitzen wir bei unserer Kinderärztin und die Zeit des Wartens wird ihr zu lang – sie möchte nach Hause gehen. All das und vieles mehr konnte mir unsere Tochter bereits zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr mitteilen. Zwar nicht mit Worten, dafür aber mit ihren Händen und damit nicht weniger verständlich. Babyzeichensprache nennt sich diese Art der Kommunikation und dabei beschreibt sie nicht nur eine Erleichterung des gegenseitigen Verstehens, wenn die verbale Sprache noch nicht möglich ist. Sie öffnet Türen in eine sonst oftmals noch lang verschlossene Welt.

Bereits bei meinem ersten Kind hatte ich von den Babyzeichen gehört. Mein Cousin, der selbst vier Kinder hat, war absolut begeistert davon und auch meine Schwägerin erzählte mir, wie beeindruckend sie es findet, wenn ihr neun Monate alter Sohn ihr mitteilt, dass er gestillt werden möchte. Einzig durch eine einfache Handbewegung. Doch auch wenn mein erstes Interesse geweckt war und das große Handbuch dazu auf meinem Küchentisch lag, reichte es noch nicht aus, diesen für mich neuen Weg der Verständigung zwischen Eltern und Kind zu erschließen. Es brauchte, wie bei manch‘ anderen Themen, das „zweite Kind“, den erneuten Anlauf, um mich damit tatsächlich auseinanderzusetzen und den Gewinn für meine kleine Tochter und uns als Familie greifbar zu machen. Kurz vor dem ersten Geburtstag meiner zweiten Tochter startete ich deshalb mit einem Grundkurs zur Babyzeichensprache und begann damit eine berührende Reise in die Lebenswelt eines einjährigen Kindes.

Verortung

Angelehnt ist die Babyzeichensprache an die allgemeine Gebärdensprache für Gehörlose. Sie  intensiviert im Grunde intuitive Kommunikationsimpulse. Wer kennt nicht den Zeigefinger am Mund, wenn es still werden soll oder die flache Hand am Ohr, wenn wir Müdigkeit oder Schlaf verdeutlichen wollen. Mir würde manches mehr einfallen und ich weiß, dass es Zeichen sind, die auch der Generation meiner Großeltern noch vertraut wären. Babyzeichen sind also vereinfachte Gebärden bzw. Handzeichen, die bereits von den Kleinsten nachgemacht werden können, sobald eine bewusste Koordination der Hände gegeben ist. Es geht auch nicht darum, dass die Zeichen die verbale Kommunikation mit dem eigenen Kind minimieren oder gar einstellen sollen. Im Gegenteil: jede Geste sollte stets durch Sprechen begleitet bzw. sollten zu den Hauptwörtern parallel Gesten gezeigt werden. Die oft geäußerte Befürchtung, dass somit die Sprachentwicklung verhindert oder verzögert werden könnte, ist unbegründet. Das Erlernen von Babyzeichen und die damit einhergehende bereits frühzeitige Befähigung unserer Kinder sich direkt und konkret mit ihren Bedürfnissen und Gedanken mitzuteilen, unterstützt vielmehr das Erlernen der Muttersprache und gibt den Kindern bereits von Klein auf die Rückmeldung: du wirst gehört, ich bin an deiner Mitteilung interessiert. Der Anreiz, seine Bedürfnisse durch Kommunikation zu erfüllen, wird durch die positive Erfahrung der Babyzeichen vielmehr zusätzlich stimuliert.

Den eigenen Weg finden

Das Erlernen der Babyzeichen ist nicht schwer und passiert im besten Falle von Beginn an gemeinsam mit dem Kind. Je nachdem welche Lernform einem liegt, gibt es neben zahlreichem Material zum Selbst-Lernen auch Kursangebote, die Eltern und ihren Kindern in kleinen Gruppen die Babyzeichen spielerisch näherbringen. Grundstock bilden Zeichen, die im täglichen Alltag gut integriert und vor allem – was besonders wichtig ist – oft und einfach wiederholt werden können. Wichtige Regel ist: lieber mit wenigen Zeichen starten, diese aber dafür stetig zu wiederholen als viele Zeichen schnell einzuführen, die jedoch nur selten gezeigt werden können. Der Lerneffekt liegt auch hier – sowohl für die Eltern als auch für die Kinder – in der stetigen Wiederholung. Denn nicht nur, dass die „neuen Vokabeln“ erst verinnerlicht werden wollen. Auch die schlichte Aufgabe, so selbstverständlich wie möglich seine Worte mit Gesten zu begleiten, ist gar nicht so einfach und die einen benötigen dazu mehr „Überwindung“ als die anderen. Aber schafft man es, die gedanklichen Hürden gegenüber des Ungewohnten zu überwinden, macht es unglaublich viel Spaß. In Großbritannien gehören die Babyzeichen viel selbstverständlicher zu den gern genutzten Kleinkind-Angeboten und es sorgt bei Dritten kaum für Verwunderung oder Irritation. In Deutschland hingegen gilt die Babyzeichensprache noch als eher exotisch, was die praktische Anwendung ein wenig erschwert.

Einfache Gesten

Erste Grundzeichen sind beispielsweise die Gesten für Milch/Stillen, Noch-mehr/Noch-mal oder alle/zu-ende. Schnell wird dann um wichtige Personen, Tiere, Gegenstände oder Tätigkeiten des Alltags ergänzt. Durch das begleitende Gebärden unseres Sprechens, helfen wir unseren Kindern, den Alltag vorhersehbarer und verständlicher zu machen. Das gibt zusätzliche Orientierung und Sicherheit. Am Ende des von mir besuchten Grundkurses hatten wir rund 70 Babyzeichen gelernt.

Wichtig empfinde ich bei diesem ganzen Prozess der Babyzeichen, sich immer wieder bewusst zu machen, dass sie eine Möglichkeit sind und keine Aufgabe, die erfüllt werden muss. Sie sind ein Angebot, sowohl für mich als Elternmensch als auch für mein Kind. Denn selbst wenn ich viel Freude an dem Erlernen und Anwenden der Zeichen habe, kann ich nicht wissen, in welcher Form mein Kind die Zeichen für sich gebrauchen möchte. Von mir vielfach gezeigte Zeichen hat meine Tochter zum Teil kein einziges Mal verwendet – auch wenn ich weiß, dass sie die Bedeutung verstanden hatte. Und gleichzeitig war ich oft überrascht, welche Zeichen für sie Bedeutung hatten und genutzt wurden. Ich weiß noch, dass neben dem Zeichen für Milch, welches wir durch das häufige Stillen im ersten Lebensjahr oft benutzt haben, die Gesten für Meerschweinchen, Fahrrad und laut bei ihr hoch im Kurs standen. Die Meerschweinchen gab es bei den Kindern im Nachbarhaus und hatten absolute Faszination bei ihr ausgelöst. Da war es gut, seinen Wunsch nach einem Besuch der kleinen Tierchen äußern zu können. Mit dem Fahrrad waren wir fast täglich unterwegs und es symbolisierte gleichzeitig wichtige Tagesetappen: das Anziehen und Aufbrechen, um ihre Schwester in die Kita zu bringen oder davon abzuholen. Und laute Geräusche mochte sie nicht. Durch die einfache Handbewegung, den Zeigefinger von der Seite auf das Ohr tippen, konnte sie bereits in so jungem Alter für sich sorgen und ihrem Unwohlsein oder ihrer Angst Ausdruck verleihen. Und es war faszinierend in dieser Zeit der gemeinsamen Babyzeichen zu erfahren, worüber so ein kleiner Mensch bereits nachdenkt. Was ihm durch den Kopf geht und was er sich schon merken kann.

Handhabe und Nutzung

Ich habe meine Tochter durch diese einfache, aber effektive Möglichkeit der Kommunikation mit ihrer Umwelt als wesentlich selbständiger und in gewisser Weise auch selbstbewusster erlebt. Ich bin davon überzeugt, dass sie Situationen besser verarbeiten und letztlich leichter an unserem „Alltag der Großen“ teilnehmen konnte. Aber wie gesagt, wir können nicht gänzlich beeinflussen, inwiefern bzw. wie intensiv unsere Kinder die Babyzeichensprache für sich nutzen werden. Unsere Kursleiterin erklärte auch, dass es in der Zeichen- und Gebärdensprache zahllose Dialekte gibt und dass im Grunde jedes Kind seine eigene Variante der Zeichen kreiert. Zu erwarten, dass Babys die Handzeichen so klar gebärden, wie wir sie als Erwachsene vormachen, führe zu Frustration. Ebenso die Frage der Zeit: zum einen ist es natürlich von den motorischen Fähigkeiten des Kindes abhängig und dem allgemeinen Stand der Entwicklung, inwieweit das Kind die Zeichen wahrnehmen, verstehen und nachahmen kann. Zum anderen setzt der Impuls, seine Eltern nachzuahmen und selbst zu gebärden, bei den einen bereits nach wenigen Tagen oder Wochen ein, bei manchen erst nach ein paar Monaten. Hier heißt es deshalb geduldig zu sein und achtsam seinem Kind in der Kommunikation zu folgen.

Ein großer Gewinn ist es natürlich, wenn sich mehrere unmittelbare Bezugspersonen an diesem besonderen Kommunikationsabenteuer beteiligen. Nicht nur, dass das Lernen der Zeichensprache effektiver ist, wenn neben den Eltern auch eventuelle Geschwister, Großeltern oder anderweitige wichtige Personen des Kleinkindes sich beteiligen. Die Kinder werden unabhängiger und fühlen sich schneller sicher im Austausch mit anderen, weil eben nicht nur Mama oder Papa es sind, die die Bedürfnisse der Kleinsten wortlos verstehen, entziffern oder erspüren können. Gerade in Hinblick auf die Beziehung meiner Kinder zueinander, empfand ich es als absolute Bereicherung, dass unsere ältere, vierjährige, Tochter schon in vielen Momenten kompetent mit ihrer kleinen Schwester Situationen klären konnte, einfach weil beide sich über die Zeichen zu verständigen wussten. 

Übergang zur Lautsprache

Das Ende der Babyzeichen markieren die Kleinsten ganz von allein. Wenn die ersten Worte über die Lippen kommen, sich der Wortschatz sukzessiv erweitert und die Welt der Großen wieder ein Stück greifbarer wird, rücken die Babyzeichen von allein wieder in den Hintergrund. Zum Teil behielt meine Tochter die Babyzeichen noch für eine Weile als vertraute Stütze, wenn manche Worte einfach noch nicht so aus dem Mund wollten wie gedacht oder das Fragezeichen aus meinem Gesicht einfach nicht wegging. Dann unterstütze sie mich im Verstehen mithilfe der uns beiden gewohnten Zeichen.     

Grundkurse zum Erlernen der Babyzeichensprache werden durch manche Krankenkassen bezuschusst. Bei Nachfragen lohnt sich also! Den nächsten Kurs in deiner Nähe kannst du hier finden.  

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